Time`s Up und der Crash Test
von Time’s up
Time`s Up beschäftigt sich seit seiner Gründung 1996 mit den Funktionen des menschlichen Körpers. Wesentlich im Zentrum des Arbeitsinteresses stehen dabei die Begrifflichkeiten Biomechanik, Kontrolle und Wahrnehmung. Wir konstruieren seit mehreren Jahren intuitive, eigens konstruierte Interfaces, die Besucherinnen dazu anhalten sollen selbst aktiv gestalterisch tätig zu werden. Dabei definiert sich die inhaltliche Entwicklung über das Verhalten der Anwenderin. Installationen von Time`s Up werden sozusagen von Besucherinnen und Akteurinnen zum Leben erweckt.
Time`s Up untersucht entlang der etablierten Applikationen und Interfaces die körperlichen Funktionen des Menschen. Die oftmals zweckentfremdete Nutzung von Installationselementen, die in ihrer Erscheinung dem Alltagsleben nachempfunden sind, setzt eine Neuorientierung hinsichtlich ihrer haptischen Benutzung voraus. Wir zelebrieren das Spiel mit menschlichen Sinnen und Wahrnehmungstechniken indem wir das Umfeld neu kontextualisieren. Es kommt somit zu einem Zusammenspiel von Orientierung, körperlicher Funktion und Komposition. Intuitive, manchmal emotionale Zugänge zu unseren Installationen schaffen einen Brückenschlag zwischen virtueller und realer Welt.
Für Time`s Up ist die Rolle des Probanden eine wichtige Basis, um die erdachten Funktionen und Wirkungsbereiche von Installationselementen testen und reflektieren zu können. Unsere Beobachtungen führen gleichwohl zur Bestätigung unserer Intentionen als wohl sie auch der Beweggrund und Ausgangspunkt für eine komplette Neuorientierung sein können. Als herkömmlichen Crash Test hinsichtlich der Hardware verstehen wir öffentliche Versuchsreihen und Präsentationen nicht, da wir Benutzerinnen nichts zumuten, was wir nicht an uns selbst hinlänglich erprobt haben. Als Crash Test hinsichtlich unserer Forschungsergebnisse können diese öffentlichen Experimente durchaus erachtet werden, da wir die Erfahrungen der Anwenderinnen in die Prozesse der Weiterentwicklung einarbeiten. Die Besucherin ist also eine Art Dummy, die sich aber auch bewusst in diese Rolle begibt und ihre Erfahrungen hinsichtlich interaktiven Installationen neu kalibrieren kann. Nicht meine einem Avatar gleichende Verkörperung am Bildschirm empfindet stellvertretend für mich, sondern ich selbst erfahre am eigenen Körper sämtliche mögliche Auswirkungen, die von den Installationen ausgehen können, muss meine Sinne aktivieren und schärfen, empfinde Veränderungen etwa in Bezug auf Herzschlag, Pulsfrequenz oder Hautwiderstand - alles spürbar bis in den kleinen Zeh.
Die bei Crash Test Dummy präsentierte Installation Body Spin vertieft unsere Forschungsinteressen dahingehend, dass es zu einem vermehrten Einsatz der oben angesprochenen körperlichen Funktionen kommt. Nach einer Reihe von Installationen, die die Kooperation zwischen mehreren Spielerinnen oder Anwenderinnen voraussetzten, ist bei Body Spin die Benutzerin völlig auf sich allein gestellt. Nur wenn man sich innerhalb jener matt-weissen Kugel auf seinen eigenen zwei Beinen fortbewegt, wenn man einen eigenen Gangrhythmus gefunden hat, eröffnen sich die neuen Welten – Welten, die paradoxerweise durch den Zustand des Eingesperrtseins erreicht werden. Begriffe wie: Kontrolle, Vertrauen und Eigenverantwortung finden ihren praktischen Niederschlag, wobei die Anwenderin auf eine harte Probe gestellt wird. So ist sie innerhalb von Body Spin zwar jedes Blickes von außen entzogen, auch entkoppelt dieser individualisierte Zugang die Benutzerin von jeglicher sie umgebenden Ablenkung und ermöglicht es ihr zunehmend, sich gänzlich auf sich und ihre Eigenwahrnehmung zu konzentrieren. Andererseits ist man regelrecht jenen Menschen ausgeliefert, die „draussen“, also außerhalb von Body Spin, an den Computern jene Welten als virtuelle Rahmenbedingungen erst erschaffen haben, die der Besucherin innerhalb von Body Spin als „ihre“ Welten zugespielt werden – ein Crash Test Dummy mit Auffangnetz.
Gegen die Wand
Wenn, wie zurzeit im Werbefernsehen, Crash Test Dummies zum Leben erweckt werden, um uns realen Menschen daheim vor den Bildschirmen davon zu erzählen, wie hart ihr Job ist, wie schmerzhaft die Verletzungen sind, die sie sich in weniger sicheren Automarken als der für die geworben wird, zufügen, wenn also jene Puppen, an denen die Industrie stellvertretend für den realen Konsumenten Schmerz, Verletzlichkeit und körperliche Deformation möglichst nachvollziehbar austestet, plötzlich zu uns sprechen und wir Mitgefühl für sie empfinden sollen, also eine Umkehrung der emotionalen Empfindsamkeit zwischen Mensch und Maschine oder Puppe stattfindet, dann, spätestens dann, ist es an der Zeit, sich zu fragen ob nicht ein Richtungswechsel schon längst vollzogen ist, allerdings – aus gutem Grund – noch nicht sichtbar und erkennbar gemacht wurde.
Wem erzählen wir davon wie hart unser Job ist, wem erzählen wir von unseren Schmerzen und unserer Verletzlichkeit, wenn nicht den Puppen, die stellvertretend für uns empfinden sollen. Wir lassen fühlen.
In einer durch die täglichen Bilder des Terrors und des Todes zunehmend unempfindlichen Gesellschaft vermag zumindest ein Teil der Menschheit nur noch das zu empfinden, was er sich an realem Schmerz zufügt – was wehtut, lebt.
Diskussionen über emotionale Verrohung, über einen zunehmenden Mangel an Mitgefühl und über Liebesunfähigkeit sind womöglich längst von der Realität eingeholt worden. Der Mensch entwickelt sich im worst case scenario zu einem „besseren“ also funktionstüchtigeren Menschen, indem er der perfekte Crash Test Dummy wird.
Funktionstüchtig auch im Sinne eines täglichen Wirtschaftstreibens, in dem der Mensch unbewusst die Rolle eines Testobjekts übernimmt. Und getestet wird immer und überall, und wer auf diese Tests nicht ausreichend vorbereitet ist, ist nunmehr – so wird uns vermittelt - selber schuld. Denn mit den schmackhaften Möglichkeiten, sich innerhalb kürzester Zeit gewünschte Informationen eigen zu machen, ist der Zustand des stetigen, arbeitsreichen Betriebs schnell auf jeglichen Gadgets visualisiert und somit auch verifziert. Schneller, Höher, Weiter sind Schlagworte, die keineswegs mehr geographisch auf Melting Pots und Großstädte konzentriert sind. Das romantische Bild vom harmonischen Landleben, in dem man bislang Schutz vor technischen Zugriffen finden oder vermuten konnte, wird von Google-Earth destabilisiert. Entkoppelungen wie diese sind derart neuartig, dass sie die Entwicklung bisher unbekannter Szenarien implizieren.
Anhand des Umgangs mit technischen Entwicklungen lässt sich auch eine Art physische Distanziertheit festmachen. Die Lebensmittelwirtschaft ist ein Paradebeispiel der Auslagerung emotionaler Regungen. Der Chickenharvester beispielsweise ist das Instrument, welches am Beginn des Weges von der Schlachtung bis zur Verpackung eines Huhnes zum Einsatz kommt. Die Erprobung solcher Maschinen wird an Tieren vollzogen, so ist es nicht weiter tragisch, sollten Kleinigkeiten nicht perfekt funktionieren, abseits des wirtschaftlichen Misserfolgs wohlgemerkt. Und dieser Erfolg ist dann auch der springende Punkt, nicht nur beim Schlachtschussapparat sondern auch bei der Umsetzung jeglicher von einer Lobby verfolgten Idee. Die Technik ermöglicht also das Umsetzen von Gesetzen und Interessen auf Knopfdruck und aus der Distanz. Perfekt, denn den Click auf der Maus ist der Mensch gewohnt und die Schreie der lebendigen “Dummies” sind dabei nicht hörbar.
Abseits einer weitreichenden Implementierung der oben genannten Crash Test Systeme wird der in der industrialisierten, westlich-christlich orientierten Welt wohnende Konsument im herkömmlichen Sinn nicht offensichtlich als CrashTestProband herangezogen. Dies passiert sozusagen zwischen den Zeilen bei der Erprobung von Medikamenten, der Beifügung von Inhaltsstoffen in Lebensmitteln oder deren gentechnischer Veränderung. Direkte Kausalität lässt sich somit nicht nachweisen, da sowohl Auslöser wie auch Folgen in vernetzten Mikrostrukturen gleichermaßen auftauchen und spurlos verschwinden - beispielsweise wie im Falle der Trinkwasserversorgung Londons Botenstoffe mehr oder weniger unbemerkt die Nahrungskette infiltrieren.
Der Mensch ist ein öffentliches Versuchsobjekt, dies ist ein offenes Geheimnis, aber eben nur weil es nicht offiziell kommuniziert wird. Ein herkömmliches hierarchisches Organigramm funktioniert von oben nach unten. Es ist das Prinzip der “Götter in Weiß”, deren Kompetenz sich schon alleinig über ihren Dresscode definiert. Dem gegenüber stehen Eigenständigkeit und Mut zur Eigenverantwortung. Wir erachten diese Positionen als Quintessenz jedes persönlichen Tuns und legen den Zugang zu unseren Arbeiten in die Hände des Individuums. So, let there be crash.
